SCHUSCHURA

[Auszug]

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meine Absätze aus Bleistiften versinken im weichen Körper der Riesenraupe die sich durch die Stadt wälzt / der Leib besetzt mit Krokant und glänzendem Split : mit Krümeln von Blätterteiggebäck ausgekämmten Haaren von Tier und Mensch und den Wimpern und Insektenflügeln die morgens von den Hinterbliebenen vom Boden gekehrt und aus den Fenstern geworfen werden . ich reite auf dem Rücken der Raupe und spucke Zischlaute auf den Asphalt / die Sprache kocht und verdampft in der Hitze : die Stadt verstummt / bis auf die Sirenen der Ambulanzen die jaulen wimmern und heulen : Rettungsfahrzeuge rasen von einem stockenden Herzen zum anderen . Sanitäter stolpern mit dem Defibrillator in der Hand über die Hunde die narkotisiert im Schatten der Hauseingänge liegen und deren fossile Spuren in den Steinstufen im nächsten Jahrtausend von posthumanistischen Archäolog:innen sorgfältig untersucht werden . die Marmeladengläser kleben auf den Wachstischtüchern fest / verbranntes Gras durchsticht die aufgeweichten Sohlen : sämtliche Rasensprenkler kamen abhanden. eine Gruppe Hinterbliebener lagert unter dem Plastikbaldachin einer Bushaltestelle / die Metzgereien sind voll von Menschen die ihre Körper am Weisz der Fliesen kühlen . ich verschliesze mit meinem Mund die Öffnung eines Metallcontainers mit der Aufschrift Sticla und spucke Worte hinein – sie klirren vom Grund und ich lausche den Geschichten die aus den Flaschenhälsen und Dunstgläsern steigen . Mit dem Handrücken wische ich mir das Blut von den gesprungen Lippen und folge dem Mann der mit zwei Bierflaschen und Handy am Ohr über den First der kargen Böschung balanciert entlang eines seufzenden Rinnsals das das eine Viertel vom anderen trennt .
die Stadt flimmert in der Hitze . die Tableaus der Kunstmaler zeigen nur noch Gekochtes .  

die Menschen fangen an die kostbaren Schatten der Stadt zu benennen wie früher Straszen und Plätze .

in einem Secondhand-Laden suche ich nach Kleidern aus Kattun :  Chemiefasern verbreiten ihre Scheinwirkung . Roben und Talare knappe Tops neben blaszgelben Morgenmäntel aus glänzendem Polyester . ich häute mich um die Textilien wieder loszuwerden : das Paillettenkleider verwandelt sich auf dem Körper in ein Kettenhemd und ich vermag dem Verliesz der Garderobe kaum mehr entkommen . jetzt sammle ich jeden Morgen die weichen wolligen Flocken / die Bumbascha1Flaum, wolliger Staubvon unterm Bett in einem groszen Einmachglas und hebe die Federn der Mosaiktauben von der Strasze auf um mir daraus ein Kleid zu weben : eine Sprachtracht aus Tag- und Nachtträumen .

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seit heute habe ich eine Schuschura : sie ist ein groszes Rauschen / sie rauscht um mich herum und durch mich hindurch . nur für wenigen Stunden nachts hält wohl einer meiner Schuschura den Mund zu : dann schweigt sie bis die Hand ermattet auf die Kissen sinkt / hebt an mit Bahau und rast im Triumph vereint mit den heulenden Sirenen der Ambulanzfahrzeuge durch die Șoseaua : schlägt mit wehenden Röcken / eines nach dem anderen / die Flügel der Fenster zu hinter denen die Verbliebenen in feuchten Laken schwer dösen und genauso erschöpft erwachen wie sie den Schlaf gesucht haben und lange darauf warten mussten .

wir wohnen im Dampfmühlensumpf  in der Strasze wo einst die Feuermühle stand . in Schuschuras Garten wachsen Gladiolen mit violetter Blüte die den Vorbeigehenden mit hechelnden Hundezungen die Hände lecken .  

zur Bleichstunde des Tages halte ich die Fenster geöffnet und lasse die Schuschura aus allen Himmelrichtungen herein .